ÜBER GOTT UND DIE WELT - Texte zu unterschiedlichen Themen

Wenn es eine Übereinstimmung von Form und Inhalt geben soll – wie an anderem Ort gefordert – stehe ich vor dem Dilemma, auf simpler Html-Basis (so sind die meisten Seiten aufgebaut) den einfachsten Grundprinzipien typografischer Gepflogenheit nicht entsprechen zu können. Ich weiß trotz voreingestellter Parameter nie, wie meine Schrift auf dem Computerbildschirm meines anonym (!) bleibenden Besuchers erscheint. Dieses Phänomen führt meinen Aufstz über die "Arialisierung der Welt" ad absurdum, erscheint dieser möglicherweise gerade in dieser Schrift. Allerdings stützt dieser Umstand meine These, dass es diesbezüglich kein Entrinnen gibt und das Überleben in einer Kultur schon immer damit verknüpft war, auch das gößte Übel stoisch zu ertragen. Allerdings habe ich jeden Artikel im Pdf-Format bereitgestellt, um diesem Missstand ein wenig entgegenzuwirken.

Zum Problem der Typografie im Internet:

Anton Thiel Thujenarial

Anton Thiel: Die Arialisierung der Welt

Als naturaffiner Mensch entfliehe ich bisweilen der konstruierten Enge der Stadt, um das, was wir als Naturerholungsraum bezeichnen, aufzusuchen. Frische Luft statt eines benzingeschwängerten Restbestands, idyllische Ruhe statt kakophoner Dichte, erlösende Weite statt des auf Straßenbreite reduzierten Freiraums. So weit, so gut gemeint, was mein überstrapaziertes Glücksverlangen nach paradiesischer Unverfälschtheit anbelangt. Ich fühle mich meist nach stundenlangem Herumirren in der „freien Natur“ eingeschränkter, unausgewogener, verstörter und geradezu in eine depressive Haltung hineingestoßen. Was lässt mich nur so negativ empfinden?

Ich glaube des Rätsels Lösung gefunden zu haben: die Thujen. Diese giftigen immergrünen Implantate ländlicher Beschaulichkeit, euphemistisch auch Lebensbäume benannt, haben explosionsartig unser Ökosystem unterwandert. Die Thuja ist Nutznießerin einer fehlgeleiteten, aber für das gesellschaftliche Zusammenleben als notwendig, ja geradezu unentbehrlich empfundenen Gesinnung all jener Häuslbauer, die diese Pflanzen zur Sichtbarmachung der Grenzen ihres stolzen Eigentums erachten. Das Abgrenzen und das sich Verstecken hat sich mittlerweile zu einem unumstößlichen Standard entwickelt, deshalb wird diese Gepflogenheit auch als schön empfunden.

Wen wundert’s, wenn ich mich nach einer Landpartie so elend fühle.

Allerdings treten ähnliche Gefühle auch nach dem Konsum bestimmter typografisch geprägter Schriftstücke auf. Neben den zahlreichen Erlässen aus oberer Etage, den wohlgemeinten Handreichungen engagierter Didaktiker, den Ermahnungen und terminlichen Aufforderungen, sind es vor allem mittels PowerPoint übermächtig groß an die Wand projizierte pädagogische Ergüsse, die meine seelische Irritation hervorrufen. Nicht nur, dass das Konzept dieser Präsentationssoftware mir kalte Schauer über den Rücken jagt – es wird gemeinhin dem Auditorium (sic!) unterstellt, ohne Visualisierung nichts mehr begreifen zu können –, viel mehr und elementar bedrückt mich die verwendete Schrift, die der Präsentation zugrunde gelegten Typografie, die meinen Sehnerv trübt und sich zentnerschwer auf das Gemüt legt. Diese Schrift hat auch einen Namen, den jeder kennt: Arial.

Ja nun, werden viele von uns fragen, was ficht das dich an, ist es lesbar (d. h. genügt es den grundlegenden Anforderungen des Schriftsatzes, wie Größe, Kontrast, durchschnittliche Laufweite und Geläufigkeit), dann passt das schon, ist ausreichend für den angestrebten Kommunikationsvorgang und will überhaupt nicht mehr. Alles darüber hinaus ist gestalterisches Brimborium, ästhetischer Mehrwert, Bobogetue.

Bin ich vielleicht übersensibilisiert durch die Beschäftigung mit typografischen Grundregeln? Sind jene Kräfte, die von visuellen Gestaltungen ausgehen, einfach Hirngespinste, weil sie von vielen gar nicht (bewusst) wahrgenommen werden? Sind die Botschaften, die von den typografischen Determinanten ausgehen, ähnlich wirksam, wie ich es den massenhaft auftretenden Thujen unterstelle? Sind jene aus der historischen Entwicklung der Arial abgeleiteten Vorbehalte (eine Art Plagiat der Helvetica) eigentlich nur ein Problem der Besserwisser? Nun verlangt der mir geläufige Bildungsauftrag, Wissen als Erkenntnis und darauf folgende Entscheidungshilfe einzusetzen, um verantwortungsvoller und beglückender agieren zu können. Oder habe ich da etwas verschlafen, wonach eine kritische Sensibilisierung des Lernenden gar nicht mehr so erwünscht sein mag? Vor allem gäbe es mir zu denken, wenn das vorinstallierte Betriebssystem meines Schreib- und Gestaltungswerkzeugs eine Schrift mit dem Argument vorschlägt, sie hätte die größte Verbreitung und deshalb auch die höchste Akzeptanz. Ich mag diese Situationen nicht, die ihr Selbstverständnis nur aus der massenhaften Verbreitung ableiten, ich kann es nicht leiden, wenn Normen unsere ästhetischen Empfindungen bestimmen und nicht aus der wohlgeformten Gestalt selbst erwachsen. Ich verabscheue diese Arialisierung unserer Welt ebenso wie ich dieser Verthujisierung unserer Landschaft misstraue. Auf dem Heldenplatz 1938 haben unzählige Menschen ihrer Entmündigung zugejubelt, und die vielen sichtbaren und unsichtbaren Zäune dieser Welt legitimieren Unrecht aus einer dummen Anmaßung und schlechten Gewohnheit heraus.

Ich wünsche mir schöne, ehrliche, reflektierte Schriftbilder, die aus einem Freiheitsbewusstsein und der daraus resultierenden Selbstbeschränkung entwickelt sind. Ich wünsche mir eine arialfreie Zone, meinem Seelenheil zuliebe.

Erschienen in: BÖKWE, Fachblatt des Berufsverbandes Österreichischer Kunst- und WerkerzieherInnen, Nr. 1, 2013 (Glosse unter dem Titel: STRANDGUT. Vom Herumstreunen der Gedanken)

Zum Thema Arial in der Typografie:

Mark Simonson: The Scourge of Arial („die Plage Arial“), 2001, www.ms-studio.com/articles.html
Ralf Turtschi: Arial, ein Nekrolog, 2005, www.agenturtschi.ch/t3/fileadmin/download/fachartikel/artikel/arial_nekrolog.pdf

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